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erstellt: 14. Mai 2012 20:32 zitat pm mail hp R.I.P. Ernst Hinterberger Er war ein ganz Großer und hat die österreichische Fernsehlandschaft mit seinen Serien angenehm proletarisiert!
erstellt: 16. Mai 2012 13:59 zitat pm mail hp Hier ein Nachruf von Tibor Zenker:
Ernst Hinterberger 1931-2012 14.05.2012, 20:54
von Tibor Zenker
Am 14. Mai 2012 starb der Autor Ernst Hinterberger in Wien. Am frühen Nachmittag saß ich mit meinem Bruder in dessen Wohnküche, und als Peter Patzak anrief ("Was tut sich in der Welt?"), herrschte zunächst betroffenes Schweigen. Doch man fasst sich, man erinnert sich. Es muss schon wieder mehr als drei Jahre her sein, dass ich Ernst Hinterberger zuletzt getroffen habe - wir waren beide zu einem "Runden Tisch" zum Thema "Wiener Krimis" im Echomedienhaus im 7. Bezirk geladen.
Gesundheitlich schon einigermaßen gezeichnet, hatte er im Rollwagerl seine Sauerstoffflaschen dabei, deren Schläuche zu den Nasenlöchern führten. Dieses Lungenleiden hatte sich Hinterberger durch seine Arbeit in einem metallverarbeitenden Betrieb eingehandelt. Seine Kollegen, die länger als er dort tätig waren, seien bereits alle tot. Sagte er - und nahm die Schläuche weg, um sich eine Zigarette anzuzünden. Ein Vorgang, der sich alle paar Minuten wiederholen sollte.
Die Tatsache, dass er bis 1991 weiter in der Fabrik arbeitete, obwohl er längst durch das Schreiben sein - ohnedies mit bescheidenen Ansprüchen gestaltetes - Auskommen gefunden hätte, zeugt von Hinterbergers Selbstverankerung in der Arbeiterklasse. Aus dieser kamen seine Eltern und er war nicht willens, sie zu verlassen und sich über sie zu erheben, wie es andere Arbeiterautoren nach ersten Mainstream-Erfolgen getan haben. Und so verließ er auch seine knapp 50 Quadratmeter große Gemeindebauwohnung im 5. Bezirk nicht, denn sie und ihre nähere Umgebung waren ihm tief verbundene Heimat.
Hinterbergers Blick auf die Arbeiterklasse und die "einfachen" Menschen, der von innen kam, schlug sich in seinen Werken nieder. Ihm ging es um realistische Darstellung des Seins und Bewusstseins der Wiener Arbeiter und Arbeiterinnen, nicht um deren Denunziation als dumme Proleten, wie es bis heute weitläufig en vogue zu sein scheint. Seine Regisseure haben ihm freilich hier immer wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht, schon bei der "Mundl"-Serie, später beim "Trautmann", zuletzt bei den "Echte Wiener"-Kinofilmen. Der Regisseur als natürlicher Feind des Drehbuchautors ist zwar nicht die Regel, aber für Hinterberger, dessen oberstes Prinzip die Authentizität der Darstellung war, ein häufigeres Ärgernis. Und so beklagte er sich in einer Pause der oben erwähnten Diskussion bei mir, der ORF und der Regisseur hätten seinen "Trautmann" allen Ernstes zu einem "Kottan" verhunzen wollen. Wenngleich als denkbar falschester Adressat ausgewiesen, so konnte ich seinen Ärger doch nachvollziehen.
Seine Gelassenheit, die er aus seiner buddhistischen Weltanschauung speiste, hatte hier ihre Grenzen, weshalb Hinterberger mitunter äußerlich etwas grantig erschien. Die Gelassenheit verließ ihn auch ein wenig, wenn er über die Lebensbedingungen der Arbeiter, der Frauen oder der Immigranten in unserer Gesellschaft sprach, bzw. umgekehrt über Ausbeutung, Unterdrückung, Faschismus und Krieg. Dass das Leben nach buddhistischer Anschauung letztlich leidvoll sei, ist eine Sache. Daraus ergibt sich aber nicht, dass verursachtes Leid somit gleichgültig wäre - im Gegenteil: Gier, Hass und Verblendung verursachen es. In der uns augenscheinlichen Welt gibt es hierfür Verantwortliche: Kapitalisten, Banker, politische Eliten, wobei letztere für Hinterberger auch die Führung der Sozialdemokratie umfassten, deren eigentlichen Traditionen und ursprünglichen Idealen Hinterberger freilich nahestand. Hinterberger benannte klar und klagte offen an, denn Feigheit, Unehrlichkeit, Anbiederung oder Heuchelei waren nicht seine Sache.
Die Essenz von Hinterbergers Werk findet sich daher auch weniger in der "Mundl"-Silvesterfolge, die uns der ORF jedes Jahr verlässlich vorführt, sondern vielmehr in seinen Büchern, in seinen Romanen und Geschichten, in seinen Bühnenstücken - auch in seinen Kriminalromanen, wenn man sie zu lesen weiß.
Es bleibt das Eintreten für die Schwachen in unserer Gesellschaft, für diejenigen, die ihren Lebensbedingungen scheinbar hilflos ausgesetzt sind, und doch versuchen, das Beste daraus zu machen - ohne zu vergessen, dass es die Umstände sind, die zu verändern wären. Das muss man wissen. Wenn Edmund Sackbauer sagt: "Mein Bier is net deppat!", dann meint er eigentlich: "Wir, die Arbeiterklasse, sind nicht deppat! Und das werden wir euch schon noch zeigen!" - ein Aufruf und Auftrag an sich selbst. Ernst Hinterberger hat dazu sein Möglichstes - und mehr - beigetragen.
----------------------- Es lebe die Brigittenau!
Mitglied seit: Januar 2003 | Beiträge: 715 | User ist: offline
erstellt: 17. Mai 2012 22:48 zitat pm mail hp Seit langer Zeit ist das heute wieder einmal eine Sternstunde des ORF 2. Danke, Ernst Hinterberger! Schade dass die ganz Großen dafür erst sterben müssen...
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